Noten lesen muss kein Wunschtraum bleiben! Natürlich können wir nicht von einem Tag auf den anderen wie durch Zauberhand flüssig Noten lesen, allerdings lösen sich mit 9 Tipps und ein wenig Übung die Probleme in Luft auf.

Vorgehensweise

Noten lesen

Der Trick hinter den Tipps besteht darin, dass wir nicht sofort alle Noten lesen lernen! Wir suchen uns 10 ausgewählte Orientierungsnoten aus, die wir uns sehr gut merken merken können. Sie sind Fixpunkte, an denen wir uns orientieren können. Wie Wegweiser in einer uns unbekannten Gegend!

Von diesen Orientierungsnoten aus lesen wir dann nur die Abstände der Noten zueinander (relatives Notenlesen) und keinesfalls die Notennamen! Das geht viel schneller, ist sehr effektiv und auch noch musikalischer!

7 kurze Übungen in einem Ergänzungbeitrag werden Ihnen bei alldem helfen und Sie sicher zum Erfolg führen!

Viel Spaß und los geht’s!

Tipp 1: Zwei Schlüssel – 88 Tasten

Noten lesenZum Klavierspielen benötigen wir im Notentext den Violinschlüssel oder G-Schlüssel (sitzt auf der 2. Notenlinie) und den Bassschlüssel oder F-Schlüssel (sitzt auf der 4. Notenlinie). Die beiden Schlüssel sind notwendig, um alle tiefen und hohen Töne und somit den großen Tonumfang des Klaviers von immerhin regulär 88 Tönen aufschreiben zu können. Und um die Tonhöhe geht es uns hier!

Noten lesenAuf der Klaviatur wiederholt sich auf den weißen Tasten 7 Mal die Abfolge c, d, e, f, g, a, h von links nach rechts. In der Mitte befindet sich die eingestrichene Oktave, nach rechts werden die Töne immer höher mit der zweigestrichenen, dreigestrichenen Oktave etc.. Nach links werden die Töne immer tiefer mit der kleinen Oktave, großen Oktave… .

Hier sehen Sie im Violinschlüssel eine aufsteigende Linie – die Töne werden immer höher – und im Bassschlüssel eine absteigende Linie – die Töne werden immer tiefer.

Noten lesen

Merke: Im Notentext klingen aufsteigende Töne immer höher, absteigende Linien immer tiefer!

Tipp 2: Treppe rauf – Treppe runter 

Noten lesen

In diesem Notenbeispiel gehen wir vom eingestrichenen c (c’) beider Schlüssel aus. Das c’ wird in beiden Schlüsseln verschieden geschrieben, ist aber derselbe Ton bzw. dieselbe Taste. Diese Taste befindet sich ungefähr mittig vor unserem Körper, wenn wir am Klavier sitzen.

Experiment: Spielen Sie nun ausgehend vom c’ im Violinschlüssel mit der rechten Hand schrittweise (Tonschritte) wie beim Treppensteigen eine weiße Taste nach der anderen immer höher nach rechts, im Bassschlüssel mit der linken Hand immer tiefer nach links. Egal mit welchen Fingern! Erst jede Hand nacheinander, dann gleichzeitig, so wie es da steht (untereinander stehende Töne erklingen gleichzeitig). Sie landen rechts beim c”’, links beim C. Schauen Sie sich auch das Notenbeispiel noch einmal an. So sieht aus, was Sie gerade gespielt haben!

Und hurra – der erste Erfolg! Sie können gerade mal die erste Note c’ lesen und trotzdem schon alles spielen, was da steht! Halten Sie durch, es lohnt sich!

Tipp 3: Positionsbestimmung

Jedes Notensystem im Violin- und Bassschlüssel besteht aus 5 Notenlinien und 4 Zwischenräumen. Wir zählen immer von unten nach oben und verwenden zusätzlich Hilfslinien.

Noten lesen

Wenn wir eine Note lesen wollen, müssen wir ihre Position im Notensystem genau kennen, denn sie legt die Tonhöhe fest!

Im Notenbeispiel oben sehen Sie als erste Note in beiden Schlüsseln wieder das c’. Seine Position im Violinschlüssel lautet „auf der 1. Hilfslinie unter dem System“.  Die nächsten Noten im Violinschlüssel liegen „unter der 1. Notenlinie“ (d’), „auf der 1. Notenlinie“ (e’), „im 1. Zwischenraum“ (f’), „auf der 2. Notenlinie“(g’), „im 2. Zwischenraum“(=a’) etc. Also immer Notenlinie, Zwischenraum, Notenlinie, Zwischenraum… . So werden Tonschritte aufgeschrieben!

Dementsprechend beginnt der Bassschlüssel mit dem c’ „auf der ersten Hilfslinie über dem System“, dann folgen Noten „über der 5. Notenlinie“(h), „auf der 5. Notenlinie“(a), „im 4. Zwischenraum“(g) etc.

Merke: Wir erkennen Noten an ihrer Position im Notensystem. Sie befinden sich auf Notenlinien oder in Zwischenräumen, von unten nach oben gezählt!

Experiment: Nennen Sie Position und Namen der oben gelb markierten Noten, schreiben Sie sie auf und finden Sie sie auf der Klaviatur!

Tipp: Es handelt sich um die Orientierungsnoten, die wir gleich kennenlernen werden!

Lösung aufklappen

Violinschlüssel

c’ : auf der 1. Hilfslinie unter dem System

g’: auf der 2. Notenlinie (wie der G-Schlüssel)

c”: im 3. Zwischenraum

g”: über der 5. Notenlinie

c”’: auf der 2. Hilfslinie über dem System

Bassschlüssel

c’: auf der 1. Hilfslinie über dem System

f: auf der 4. Notenlinie (wie der F-Schlüssel)

c: im 2. Zwischenraum

F: unter der 1. Notenlinie

C: auf der 2. Hilfslinie unter dem System

Geschafft? Hervorragend! Sie sind nun gut gerüstet für den nächsten Punkt! Denn Sie kennen nun schon die Orientierungsnoten, die ich im nächsten Punkt explizit vorstelle!

Tipp 4: Orientierungsnoten

Die oben gelb markierten Noten wählen wir deshalb als Orientierungsnoten aus, weil wir sie uns besonders gut merken können.

Vielleicht haben Sie beim Lösen der Aufgabe schon festgestellt, dass sie sich an einer gedachten Spiegelachse zwischen Violin- und Bassschlüssel im Notensystem wie auch am c’ auf der Klaviatur spiegeln!

Nehmen wir zunächst die c’s.

Notenturm 1:Noten lesen, Notenturm

Sie sehen hier, wie sich z.B. das c” im 3. Zwischenraum des Violinschlüssels im c im 2. Zwischenraum des Bassschlüssels widerspiegelt.

Merke: Die c’s beider Schlüssel spiegeln sich an einer gedachten Spiegelachse in der Mitte zwischen den beiden Notensystemen und am c’ der Klaviatur. Sie sind so leicht zu merken.

Notenturm 2:Noten lesen, Notenturm

Die c’s reichen allerdings als einzige Orientierungspunkte nicht aus, weil sie zu weit voneinander entfernt sind. Deshalb ist es sinnvoll, im Violinschlüssel noch g’ und g” dazu zu nehmen. Das g’ ist leicht zu merken, weil es wie der Violinschlüssel (G-Schlüssel) auf der 2. Notenlinie liegt.

Diese Noten spiegeln sich im kleinen f und großen F des Bassschlüssels. Die Position des kleinen f ist ebenfalls leicht zu merken, weil es wie der Bassschlüssel (F-Schlüssel) auf der 4. Notenlinie liegt.

Merke: Wir nehmen als Orientierungsnoten  im Violinschlüssel g’ und g” dazu, weil wir die Lage des g’ auf der 2. Notenlinie bereits vom G-Schlüssel her kennen.

Merke: g’ und g” des Violinschlüssels spiegeln sich in das f und F des Bassschlüssels. Die Lage des f auf der 4. Notenlinie kennen wir bereits vom F-Schlüssel.

Diese zehn Orientierungsnoten sollten Sie in Position und Lage sowohl im Notensystem wie auch auf der Klaviatur sicher erkennen und finden können!

Übung: alle 10 Orientierungsnoten am besten wie Vokabeln laut abfragen, dann spielen (z.B.: „Wo liegt das kleine f ?“ – „Auf der vierten Notenlinie“. – spielen, … )!

Tipp 5: Relativ Noten lesen

Von den 10 Orientierungsnoten aus müssen wir die anderen Noten nun zunächst nicht absolut lesen können. Es reicht, wenn wir relativ Noten lesen können. Das heißt, dass die Abstände zwischen den Tönen (Intervalle), die Klangräume zwischen den Noten erkannt, gehört und auf das Klavier übertragen werden. Wir spielen dann auch viel musikalischer!

 

„Das größte Verbrechen eines Musikers ist es, Noten zu spielen, statt Musik zu machen.“
Isaac Stern

Tonschritte

Tonschritte, auch Sekunden genannt, gehören zu den kleinstmöglichen Intervallen zweier verschiedener Töne. Sie haben sie oben schon kennengelernt.

Noten lesen

Tonschritte sind Nachbarn und werden deshalb auch so notiert. Sie lieben es schön kuschelig! Im Notenbeispiel sehen Sie „Notenlinie, benachbarter Zwischenraum, benachbarte Notenlinie, benachbarte Zwischenraum…“. Denken Sie einfach entweder „1 rauf“ oder „1 runter“.

Das erste Beispiel im Violinschlüssel beginnt mit 4 Mal „1 rauf“ und geht dann 2 Mal „1 runter“. Wenn Sie die ganze Gestalt betrachten, bewegt sich die Melodie in einer kleinen Welle rauf und runter. Wie vorher schon spielen wir nur auf weißen Tasten!

Experiment: Vom c’ (Orientierungsnote) spielen Sie das erste Notenbeispiel im Violinschlüssel! Und schon klappt’s! Hören Sie’s an und probieren Sie es noch einmal! Sie können sogar versuchen, es zu singen! Spielen Sie auch das zweite Beispiel im Bassschlüssel! 3 Mal „1 runter“, 3 Mal „1 rauf“ ausgehend vom c’! Diese musikalische Einheit sieht aus wie ein flaches „u“, eine leichte Welle nach unten.

Versuchen Sie immer, die gesamte musikalische Gestalt zu erfassen und nicht nur Ton für Ton zu lesen! Ein Dirigent zeichnet oft Wellen, musikalische Strukturen und Melodieverläufe in die Luft und das dürfen Sie gern auch hier probieren.

Tonsprünge

Nun gibt es nicht nur Tonschritte. Es gibt auch Tonsprünge, also größere Abstände! Stellen Sie sich vor, Sie rennen eine Treppe rauf, weil Sie es eilig haben und lassen immer eine Stufe aus. Das sind Tonsprünge, die Terzen heißen. Sie sehen so aus:

Noten lesen

Experiment: Spielen Sie die Töne des ersten Beispiels! Vom c’ ausgehend nach rechts immer eine weiße Taste überspringen, also „2 rauf“, „2 rauf“, „2 rauf“… . So erreichen Sie luftige Höhen!

Vielleicht fällt Ihnen auf, dass eine Terz leicht zu erkennen ist! Entweder liegen beide Noten auf benachbarten Notenlinien oder beide Noten in benachbarten Zwischenräumen!

Merke: Tonschritte/Sekunden = beide Noten im Abstand „Notenlinie – benachbarter Zwischenraum“ oder „Zwischenraum – benachbarte Notenlinie“

Merke: Tonsprünge/Terzen = beide Noten auf benachbarten Notenlinien oder beide Noten in benachbarten Zwischenräumen

Jetzt brauchen Sie nur noch etwas Übung! Voilà!

Übung: in diesem Beitrag “7 kurze Übungen zum Notenlesen” werden Sie sanft und sicher an das relative Notenlesen herangeführt! Schnell und effektiv wenden Sie das hier Gelesene an! Es lohnt sich!

Tipp 6: Blattspiel

Eine sehr gute Methode, um relatives Noten lesen zu üben, ist das Blattspiel. Dabei spielen wir leichte bis sehr leichte Stücke (evtl. nur einstimmig) ohne zu üben vom Blatt, also „prima vista“, und erfahren ganz automatisch, in welchem Verhältnis eine Note zur vorhergehenden steht.

Tipp 7: Noten schreiben

Um Noten lesen zu können, ist das Notenschreiben hervorragend geeignet! Wir können z.B. kleine Motive und Melodien improvisieren und aufschreiben, Lieder nach Gehör spielen und aufschreiben, kleine Stücke komponieren u.v.a.m. So haben wir auch Lesen und Schreiben gelernt!

Im Ergänzungsbeitrag “7 kurze Übungen zum Notenlesen” sind immer wieder auch Tipps aufgeführt, wie Sie durch das Aufschreiben eigener kleiner Bausteine und Melodien sowohl Ihr Gehör als auch den Umgang mit den Noten schulen! Wenn Sie möchten, können Sie über die enge Verbindung “Noten lesen – Klangvorstellung – Spielen” (audiomotorische Herangehensweise) hier etwas lesen!

Tipp 8: Noten beim Hören mitlesen

Sehr sinnvoll ist es auch, Stücke anzuhören und dabei die Noten mitzulesen (bei http://imslp.org/ ist es möglich. online, kostenlos und legal Noten zu downloaden). Durch Wiederholung lernen wir allmählich, den gehörten Klängen und Strukturen die visuelle Entsprechung im Notentext zuzuordnen.

Tipp 9: Üben mit Spaß

Im Laufe der Zeit werden wir Noten immer besser absolut lesen können! Notenkartenspiele, Notenleseapps, Notendiktate mit unterlegtem Text u.a. helfen uns dabei und machen auch noch Spaß. Online können Sie sich ebenfalls kostenlos verbessern!

Alternativen

Manche finden es hilfreich, sich mit Sprüchen die Notennamen auf den Notenlinien zu merken. Das können selbst erfundene oder vorgegebene Sprüche sein wie „Guter   Hund   darf  fast  alles“, im Bassschlüssel von unten nach oben gelesen, oder im Violinschlüssel „es  geht  hurtig  durch  fleiß “. Auch für die Zwischenräume gibt es solche Sprüche. Meine Erfahrung ist aber, dass sie überflüssig werden, wenn man die Orientierungsnoten beherrscht.

Keine Alternativen

  • regelmäßig mit Bleistift Notennamen über die Noten schreiben
  • bunte Punkte oder Zettel auf die Klaviatur kleben
  • Noten bunt anmalen
  • vom Violinschlüssel aus den Bassschlüssel errechnen

Um sich auf der Klaviatur zurechtzufinden, eignen sich ganz andere Dinge wie z.B. Transponieren, mit geschlossenen Augen fühlen, wo das c, d, e …. liegt, kleine Improvisationen u.v.a.m.

Die vorgestellten Tipps helfen Ihnen, sich von Krücken zu lösen, Herr oder Frau der Lage zu sein und sich zunehmend sicherer zu fühlen. Sie lesen keine Buchstaben (einzelne Töne) mehr, sondern Wörter und Sätze (musikalische Gestalten, Phrasen etc.) und entdecken plötzlich noch ganz andere Dinge, die bisher im Verborgenen geschlummert haben. Es lohnt sich, sich auf die Reise zu machen!

 Viel Freude und Erfolg!